Fussball ist Kunst
Here something for the intellectual readers … (if there are any). It’s in German only, sorry.
In einer Umfrage der «Literarischen Welt» haben sich einige Herren zum
bemerkenswertesten Kunsterlebnis des Jahres 1929 geäussert.
NZZ Folio 09/97
Fundstücke — Das grösste Kunstereignis 1929
Von Bert Brecht
Gerhard Hauptmann nannte die Aufführung eines (eigenen) Stücks, Franz
Werfel sprach sich für die Gedichte seiner Freunde aus, Th. Mann bekannte
sich zu einer Oper. Ich bedaure alle drei, zünde meine Zigarre an und
stimme für das interessanteste Spiel der Deutschen Meisterschaft,
Schalke 04 gegen Arminia Hannover, das mit 6 zu 2 endete. Für den
zylindertragenden Betrachter mag die Wahl eines Sportereignisses eine
Überraschung sein. Doch besteht der Vorteil meiner Wahl gerade in
ihrem Mangel an Originalität. Nicht nur wird mein Urteil von 20 000
Kunstkennern geteilt, sondern auch von der Mehrheit der deutschen
Fussballpresse, die sowohl dem System des Schalker Kreiselspiels als
auch den ausführenden Künstlern Szepan, Kuzorra, Tibulski grösste
Hochachtung entgegenbrachte. Für einmal fand an einem Kulturereignis
kein Nepp statt. Der Gegenwert für das Eintrittsgeld wurde geboten.
Die einzige Beeinträchtigung des Vergnügens bestand in der Abwesenheit
des bürgerlichen Feuilletons, dessen Ablehnung sonst jeder gelungenen
Veranstaltung ihre besondere Würde verleiht. In der Tat ist die
Nachricht noch nicht in die Redaktionen vorgedrungen, dass Fussball
als Kunstform den traditionellen Formen Literatur, Theater, Malerei,
Musik bei weitem überlegen ist. Fussball ist wie alle grosse Kunst
einfach. Die Übersichtlichkeit der Regeln gestattet es, in Ruhe
Details zu studieren, etwa Kuzorras Ballannahme, die Paraden Sobottkas
oder Tibulskis Fallrückzieher. Jeder Zuschauer ist spätestens nach
drei Spielen Kenner. Das Publikum ist also ausschliesslich aus Kennern
zusammengesetzt. So ist auch Kritik das Markenzeichen des Publikums.
Während der Smokingträger in Konzerten oder im Theatersaal auf dem
Maul sitzt, treffen wir in den Sportstadien auf einen Menschen, der
pfeift, raucht, singt, aber nicht jede Darbietung zu ertragen gewillt
ist. (Dass das Fussballpublikum parteiisch ist, ändert nichts an
dieser Tatsache: Unparteiische Beobachter verschweigen in der Regel
nur, wer sie für ihr Urteil bezahlt hat.) Nun zeugen Rufe
wie «Elfmeter» oder «Schiess doch, du Affe!» von einer geistigen
Beweglichkeit, die diejenige eines Smokingpublikums bei weitem
übertrifft. Mitdenkende Kommentare wie: «Pinseln Sie Ihr Bild
abstrakter!», «Ophelia auswechseln!» würden auch diesem gut anstehen.
Das hohe Niveau der Fussballkunst basiert auf dem Respekt vor
ehrlicher Arbeit. Ihr Ertrag ist messbar: Jedes Spiel ergibt ein
Resultat. Dass nicht immer der Bessere gewinnt, spricht für den
unbarmherzigen Realismus der Fussballkunst. Man kann Wetten annehmen.
Dem Zufall wird eine Chance gegeben, und das, meine Herren, ist im
Geschäftsleben nicht anders. (Morgen, wenn Ihr Glück aussetzt, können
Sie vernichtet werden.) Gerade diese Unberechenbarkeit beweist die
Überlegenheit des Fussballs gegenüber den traditionellen Kunstformen,
in denen der Ausgang der Kämpfe festgelegt ist: im Theater schlägt
Hamlet Polonius, aber im Spiel Schalke – Hannover kann die Situation
ruhig sein, Szepan bekommt den Ball im Mittelfeld, startet ein
ungeheures Dribbling um vier Verteidiger und schiesst ein. Jederzeit
ist die Katastrophe oder der Geniestreich möglich: Fussball lehrt eine
Masse in der Möglichkeitsform denken. Sie macht die Erfahrung, dass
sich in Sekunden etwas verändern lässt. Fussball ist – zusammen mit
der Erkenntnis, dass der Weg ins Spiel fast immer über den Kampf
führt – Anschauungsunterricht für Revolutionäre. Auf gutem
handwerklichem Niveau – jedenfalls für ein Land, das von einem Rilke,
Uhland oder George heimgesucht wurde – ist auch die Lyrik. Die Songs
sind singbar und betont sachlich («blau und weiss ist ja der himmel
nur / blau und weiss ist unsre fussballgarnitur»), die Beschimpfungen
direkt und wirksam («heute hauen wir nach altem brauch / dem fc
schalke auf den bauch / lustig lustig tralala / heut ist die arminia
mit dem hammer wieder da»). Last, not least wird einem für sein Geld
auch ein gesunder Gegenwert an Gefühlsausbrüchen geboten. Keine
Theateraufführung verhilft auch nur einem Zuschauer zu ebensolcher
Freude wie den 10 000 Anhängern ein Siegestor in der 89. Minute, keine
Chopin- oder Hölderlin-Matinée versetzt in so ehrliche Trauer wie der
Verlusttreffer. Wie bei allen interessanten Lebenslagen zahlt man auch
im Fussball den Spass mit dem Risiko eines grossen Verlusts. Gutes
Amüsement hat schon immer Nerven und Mut verlangt. Aus oben genannten
Gründen stimme ich dafür, das Spiel Schalke – Hannover als
Kunstereignis des Jahres 1929 zu wählen, den Stürmer Ernst Kuzorra als
Künstler des Jahres auszuzeichnen und Fussball als fruchtbarste
Kunstform des 20. Jahrhunderts zu sehen.
Gefunden von Constantin Seibt.
Zur gefälligen Beachtung:
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Zur Vorgeschichte des oben stehenden Textes, der gut von Bert Brecht hätte
geschrieben sein können, bitte die folgende URL aufrufen
Posted: July 28th, 2010 under Fun.


